PSYCHOLOGIE

Die Macht der Lüge: Wie der Placebo-Effekt uns klüger machen kann

Eine Pille lässt Kopfschmerzen verschwinden, obwohl sie nur aus Zucker und Stärke besteht: Der Placebo-Effekt bei Scheinmedikamenten ist bekannt. Aber er kann noch mehr, zum Beispiel unsere geistige Leistungsfähigkeit steigern.

© iStock-DeanDrobot

Wenn wir schlecht geschlafen haben, ist das meist über den gesamten Tag spürbar. Viele Menschen versuchen, ihre Müdigkeit mit Kaffee oder Cola zu kompensieren. Die meisten fühlen sie sich weniger leistungsfähig als nach einer Nacht, in der sie durchgeschlafen haben.

Frei erfundene Messmethode

Psychologen vom Colorado-Collage in den USA haben herausgefunden, dass allein die Überzeugung, gut geschlafen zu haben, eine große Wirkung auf die Konzentrationsfähigkeit hat. Die Forscher erklärten 164 Studenten, die an ihrem Experiment teilnahmen, wie wichtig ein erholsamer Schlaf und vor allem die REM-Phasen für die geistige Leistungsfähigkeit sei. REM steht für Rapid Eye Movement, übersetzt rasche Augenbewegung. Diese schnellen Augenbewegungen sind für die Schlafphase typisch. In der REM-Phase haben wir die intensivsten Träume, daher wird sie auch als Traumphase bezeichnet.

Die Forscher gaben vor, dass sie eine Maschine zur Verfügung hätten, die Gehirnströme misst und die Qualität des Schlafes bestimmen kann. Die Studenten wurden über Nacht an die Maschine angeschlossen. In Wahrheit war die Messmethode frei erfunden, die Psychologen hatten bereits vorher durch Zufall bestimmt, welche Studenten angeblich einen guten Schlaf hatten und welche nicht.

Nur sechs Teilnehmer zweifelten an Studie

Die Psychologen erklärten am nächsten Tag einer Gruppe der Studenten, dass ihr REM-Schlaf in der Nacht zuvor über dem Durchschnitt gelegen hatte. Den Studenten in der zweiten Gruppe sagten sie dagegen, dass ihre Schlafqualität nicht gut gewesen sei. Beide Gruppen mussten dann Aufgaben lösen, in denen sie neues Wissen aufnehmen und verarbeiteten mussten. Tatsächlich schnitten die Studenten mit dem „guten“ Schlaf signifikant besser ab.

Nur sechs Versuchspersonen hatten Zweifel an den Aussagen der Forscher geäußert. Einige der Studenten glaubten sogar so fest an den Einfluss des Schlafes auf die Leistungsfähigkeit, dass sie mehr über ihr Schlafverhalten erfahren wollten, obwohl sie über die Täuschung aufgeklärt worden waren.

Mehr Vertrauen in eigene Fähigkeiten

Auch eine an der Universität Witten/Herdecke durchgeführte Studie zeigt die Kraft der Lüge im Zusammenhang mit geistiger Leistungsfähigkeit. 40 Personen wurden eingeladen, einen Test zum Allgemeinwissen teilzunehmen. Eine Gruppe ging unvorbereitet in den Test. Die Hälfte der Teilnehmer aber nahm an einer Vorbereitung teil. Auf einem Bildschirm zeigten die Wissenschaftler ihnen angeblich die Lösungsworte für den Test. Die Worte wurden erst langsam, dann immer schneller auf dem Bildschirm gezeigt, bis sie nicht mehr lesbar waren. Die Psychologen erklärten, dass die Versuchspersonen die Lösungswörter trotzdem aufgenommen hätten und nun im Test nur noch auf ihre Intuition hören müssten. Die Begriffe, die über den Schirm flimmerten, waren in Wahrheit nur zufällig ausgewählte Worte, die nichts mit den Lösungen zu tun hatten.

Auch hier zeigten die Versuchspersonen, die dachten, die Lösungen unterbewusst zu kennen, viel bessere Ergebnisse als die andere Gruppe. Der Leiter der Studie, Prof. Ulrich Weger erklärt: „Das Gefühl der Unterstützung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wurden gestärkt. Wir vermuten, dass sich die Personen mehr angestrengt haben, besser ihre eigenen Ängste überwinden konnten, systematischer überlegt haben. Sie konnten schlichtweg das vorhandene Wissen besser abrufen und dadurch hat sich die Leistung dann tatsächlich verbessert.“

Messbare körperliche Veränderungen

Der Begriff Placebo stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „ich werde gefallen“. Der Placebo-Effekt ist vor allem durch die Wirkung bei Scheinmedikamenten bekannt. Er basiert nicht auf reiner Einbildung, sondern setzt messbare körperliche Veränderungen in Gang, wie etwa in der Hirnaktivität oder dem Hormonhaushalt. Bereits in der Antike kannten und nutzten Heiler das Phänomen.
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