SHOPPING IM INTERNET

Entlarvt: So funktionieren die teuren Tricks der Online-Händler

Warum man beim Shopping auf die Tageszeit achten sollte. Wann welches Produkt am günstigsten ist. Und wie man mit einigen Tricks richtig sparen kann. Welt der Wunder entschlüsselt den geheimen Algorithmus des Internet-Handels.

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Kurz vor Weihnachten 2015 bei Amazon: Bei vielen Produkten springt der Preis hoch und wieder runter. Zum Beispiel ein Teleobjektiv von Samsung für eine Spiegelreflexkamera: Am 21. Dezember bei knapp 1.500 Euro, fällt der Preis am 22. Dezember auf rund 1.300 Euro – um dann am 23. Dezember wieder auf 1.500 Euro zu steigen. Absolutes Highlight: Bei einer Studie des Preisüberwachungs-Dienstes „Minderest“ fiel der Preis einer Kamera von Nokia innerhalb weniger Tage sogar von 1.700 auf rund 700 Euro – eine Ersparnis von 1.000 Euro wäre drin gewesen! camelcamelcamel.com ist eine Preisüberwachungsseite. Wer hier ein Produkt eingibt, sieht die Preissprünge der vergangenen Monate bei Amazon. Bei der Digitalkamera Canon PowerShot SX700 beispielsweise kann man mehr als 250 Preisveränderungen sehen – von 349 Euro bis zu 206 Euro – und wieder zurück. Experten sind sich sicher: Die Zeiten der festen Preise in Internet-Shops sind vorbei.

Dynamic Pricing: die Waffe der Konzerne

„Wir werden uns im Online-Handel an Preisänderungen gewöhnen müssen, die Autofahrer schon lange kennen“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Martin Fassnacht. An Tankstellen verändern sich die Benzinpreise mehrmals am Tag. Auch bei Flugtickets ist das üblich – der Preis variiert nach Auslastung, Saison und Uhrzeit. Bei Online-Shops ist das neu – und viel effizienter. „Dynamic Pricing“ lautet dieses System, also dynamische Preisgestaltung. Dynamic Pricing ist die Waffe der Konzerne im Kampf um die Vorherrschaft im Internet.

Der Online-Handel befindet sich gerade in seiner größten Veränderung seit der Entstehung des Internets. Bisher haben Händler wie Amazon, Otto und Tchibo in erster Linie versucht, Marktanteile zu gewinnen – und haben deshalb viel Geld investiert. Der Modehändler Zalando machte gar jahrelang nur Millionen-Verluste, um sich und seine Website bekannt zu machen. Das soll sich jetzt ändern – jetzt soll Geld verdient werden. Dafür benutzen die Händler eine Ressource, die sie über die Jahre gesammelt haben – und die wir Kunden ihnen nur zu bereitwillig ausgehändigt haben: unsere Daten. Dynamic Pricing ist im Grunde nichts anderes als ein Algorithmus, ein Programm, das mit Milliarden Kundendaten gefüttert wird.

Warum man Technik an einem Mittwochabend kaufen sollte

Dazu kommen Informationen über die Preise der Konkurrenz, Testurteile, Facebook-Beurteilungen. Sogar die Tageszeit, Ferientermine und das Wetter werden mit einbezogen. Der Algorithmus berechnet nun den optimalen Preis: günstig genug, um Kunden anzulocken – und so teuer wie möglich, um Gewinne zu erwirtschaften. Wenn die Daten sagen, dass Männer Unterhaltungselektronik vor allem an einem verregneten Mittwochabend kaufen, verändern die Händler genau zu diesem Zeitpunkt ihre Preise. Warum das so ist? Das wissen die Händler nicht – und das interessiert sie auch nicht. Ausschlaggebend ist nur die statistische Berechnung – wichtig sind allein der Absatz und der Gewinn. Und hier wird nichts dem Zufall überlassen. Denn nur beliebte Produkte werden im Preis gesenkt, andere werden teurer.
Ein Beispiel: Wenn Amazon anhand unserer Daten feststellt, dass ein bestimmter Fernseher gerade sehr beliebt ist, macht der Online-Riese diesen zu einem bestimmten Zeitpunkt so günstig, dass er die Konkurrenz unterbieten kann. Die Kunden kaufen den Fernseher bei Amazon – und bekommen ein HDMI-Kabel empfohlen, das andere Kunden zusammen mit diesem Fernseher gekauft haben. Der Trick: Das Kabel ist deutlich teurer als bei anderen Händlern. Weil es aber nur ein Kabel ist – und der Fernseher schon ein Schnäppchen war – greifen die Käufer zu. Und weil das mit fast allen Zubehörteilen funktioniert, ändert Amazon bei bis zu 20 Prozent seiner Produkte den Preis nach unten und oben – täglich.

Zahlen iPhone-User im Netz mehr als Android-Nutzer?

Lange glaubten die Kunden im Internet die Macht über den Handel zu haben: Sie konnten sich mit nur einem Mausklick über Preisvergleichsportale den günstigsten Anbieter aussuchen. Doch die Konzerne wollen diese Transparenz im Netz jetzt zerschlagen: Wenn sich die Preise bei jedem Händler ständig verändern, sind Vergleichsportale überfordert – und der Kunde verliert den Sinn für den „richtigen“ Preis. Tatsächlich erlauben die gesammelten Daten einen individuellen Preis für jeden Menschen. Die IP-Adresse verrät, ob jemand in einer wohlhabenden Stadt oder auf dem ärmeren Land wohnt. Werden Produkte dann für den Stadtbewohner teurer als für den Landbewohner? Bisher gibt es dafür keine Anzeichen – technisch ist es aber möglich. Und was ist mit dem Internetzugang? Wird es für iPhone-Besitzer teurer als für Android-Nutzer?

Welt der Wunder hat den Test gemacht und auf Amazon.de nach dem weißen iPhone 6s (64 GB) gesucht. Und tatsächlich: Der Preis wird auf einem iPhone ein bisschen höher (7 Euro) angezeigt als auf dem Android-Smartphone. „Von Apple-Benutzern wird angenommen, dass sie über ein höheres Einkommen verfügen“, sagt der Marketing-Experte Fassnacht. „Wenn die also im Internet browsen, kann es sein, dass Händler von ihnen einen höheren Preis verlangen.“ Prinzipiell ist es möglich, für jeden einen persönlichen Preis festzulegen – nach Wohnort, Gehalt und Bedürfnis. Und legal wäre es auch, da kein Gesetz der Welt festschreibt, dass ein Preis für alle gelten muss. Also zurück in den Einzelhandel der Städte? Diese experimentieren gerade mit digitalen Preisschildern – um das Dynamic Pricing des Internets in die realen Läden zu bringen.
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