SüDAMERIKA

Fordlândia: Henry Fords Geisterstadt im Dschungel

In den zwanziger Jahren startete Autopionier Henry Ford ein irres Projekt: Im brasilianischen Dschungel ließ er "Fordlândia" bauen, eine Musterstadt nach amerikanischem Vorbild - samt Golfplatz, Tanzpavillon und Burger-Bar. Seine Kautschukpflücker sollten dort leben. Doch es kam anders.

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Vielleicht hätte jemand Henry Ford warnen können. Ihm abraten von dem Wahnsinnsprojekt, das er plante. Eine Kautschukplantage inklusive eigener Stadt zu bauen, mitten im brasilianischen Urwald. Vielleicht hatte es sogar jemand getan, und Henry Ford hatte die Bedenken weggewischt. Schließlich hatte er sein ganzes Leben lang wohlmeinende Experten ignoriert, hatte immer geglaubt, es besser zu wissen – und damit Recht gehabt. Diese Einstellung hatte ihn zum reichsten Mann Amerikas gemacht. Hätte ihm jemand prophezeit, dass seine neue Dschungelstadt zum größten Fiasko seines Lebens werden würde, Henry Ford hätte ihn vermutlich ausgelacht.

Utopie im Urwald

In den zwanziger Jahren kann Ford auf eine großartige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Er hat die Arbeit am Fließband zur Perfektion gebracht, seine Ford Motor Company kann günstiger und schneller produzieren als jede andere Autofabrik der Welt. Die meisten Materialien kann Ford selbst herstellen lassen. Nur eines nicht: Gummi für die Reifen. Hier ist er von den britisch kontrollierten Kautschukplantagen in Malaysia abhängig, und das gefällt ihm nicht.

Henry Ford beschließt, seinen eigenen Kautschuk zu produzieren. Er kauft ein zehntausend Quadratkilometer großes Stück Land in Brasilien. Mitten im Urwald, im unzugänglichen Amazonasgebiet, plant er seine Superplantage und die dazugehörige Stadt für die Arbeiter. "Fordlândia" wird das Projekt heißen. Arbeiter werden herbeigerufen, sie bauen für ihn Häuser in Reih und Glied, ganz nach amerikanischen Abbild, inklusive Vorgarten, Golfplatz und Burger-Restaurant. Tausende Brasilianer sollen hier leben – und Tausende Tonnen Kautschuk erwirtschaften.

Die Stimmung kippt

Die Probleme lassen nicht lange auf sich warten. Das Land, das Ford erworben hat, ist felsig und wenig fruchtbar. Von der Landwirtschaft in den Tropen haben seine Manager vor Ort keine Ahnung. Mitten in der Regenzeit schicken sie Arbeitstrupps los, um das Gelände zu roden. Doch die Holzfäller bleiben im Schlamm stecken. Also brennen sie den Wald mit Tonnen von Kerosin nieder – und verseuchen dabei den Boden. Als schließlich die Gummibäume gesetzt werden können, lässt Ford sie zu dicht aneinander pflanzen. Es kommt zu einer Insektenplage, auch die Baumfäule kann sich ungehindert ausbreiten. Fords Bäume gehen ein. Nicht einen einzigen Tropfen Kautschuk kann er in Fordlândia ernten.

Auch die Arbeiter sind frustriert. Fords Unternehmen hatte große Hoffnungen bei den Brasilianern geweckt. Er hatte Elektrizität in den Dschungel gebracht, fließendes Wasser, sogar ein Krankenhaus bauen lassen. Doch nach der ersten Euphorie macht sich Ernüchterung breit. Wirtschaftlich geht es nicht voran – stattdessen aber lässt Ford jeden Schritt seiner Arbeiter kontrollieren. Arbeitszeit ist von sechs Uhr morgens bis drei Uhr mittags, ohne Rücksicht auf die Mittagshitze. Per Stechuhr wird kontrolliert. Namensschilder sind Pflicht. Ein Menüplan schreibt vor, was auf den Tisch kommt: Haferbrei, Reis, Sojamilch und Dosenfrüchte. Alkohol und Zigaretten sind verboten. Häuser und Hygiene der Arbeiter werden regelmäßig geprüft. Selbst das Freizeitprogramm ist vorgeschrieben: Es gibt Squaredance und Literaturabende. Es ist der fragwürdige Versuch, ein amerikanisches Erfolgsmodell auf dem brasilianischen Dschungel zu übertragen.

Aufstand der Arbeiter

Und so wird die Stimmung immer schlechter. Fords Fertighäuser sind für das Regenwaldklima nicht geeignet, im Inneren herrscht glühende Hitze. Von dem Essen, das ihnen vorgesetzt wird, bekommen viele Arbeiter Bauchkrämpfe. Sie fühlen sich überwacht und gegängelt, wollen nicht den "American Way of Life" aufgezwungen bekommen. Schließlich, 1930, kommt es zum Aufstand. Als in der Kantine Selbstbedienung eingeführt werden soll, geht ein Proteststurm los. Tabletts fliegen, die Amerikaner werden davongejagt, ihre Autos in den Fluss gerollt. Tagelang verstecken sich einige von Fords Managern im Dschungel.

Doch Henry Ford will nicht aufgeben. Er ist überzeugt von seinem Konzept, eröffnete schließlich sogar eine komplett neue Plantage, einige Kilometer von Fordlândia entfernt. Auch hier fallen die Pflanzen Raupen zum Opfer. Den endgültigen Schlussstrich zieht Ford trotzdem nicht selbst: Mit der Erfindung des synthetischen Kautschuk wird eine natürliche Produktion überflüssig. Die zwanzig Millionen US-Dollar, die Ford in sein Projekt investiert hat – er hätte sie fast auch in den Amazonas werfen können. Fordlândia wird 1945 verkauft, für einen Spottpreis. Nur zwei Jahre später stirbt Henry Ford.

Fordlândia die Geisterstadt

Heute ist unklar, was mit dem Gelände geschehen soll. Noch immer leben einige Brasilianer in den verbliebenen Häusern. Doch die meisten Anlagen vermodern, Pflanzen überwuchern Steine und Holz. Fordlândia gleicht einer Geisterstadt. Weithin sichtbar ist der Wasserturm, der wie ein Mahnmal aus dem Gestrüpp aufragt, ein Zeuge des Scheiterns. Besucher kommen selten hierher, zu weit entfernt liegt Fordlândia von der nächsten größeren Stadt. Wer mit dem Boot von Santarém kommt, muss eine zwölfstündige Bootsfahrt in Kauf nehmen. Von Fords Utopie im Urwald sind nur mehr Ruinen verblieben. Eine davon ist sein eigenes Haus – Henry Ford selbst hatte Fordlândia kein einziges Mal besucht. 
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