ESSEN AUS DEM LABOR

In-vitro-Küche: Kommt jetzt gestricktes Fleisch auf den Teller?

Seit ein paar Jahren erlebt der Trend zur Handarbeit mit der Nadel ein Comeback – Frau Frau strickt, was das Zeug hält. Doch ganz plötzlich taucht eine neue Masche auf, die mit Wollpullis und Wintersocken eher wenig zu tun hat: Das Stricken von Fleisch. Mehr über die Hintergründe der sogenannten „In-vitro“-Küche.

© Next Nature Network

Der Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland liegt bei 60 Kilogramm pro Jahr – Tendenz steigend. Um den übertrieben hohen Fleischkonsum einzudämmen, suchen Forscher deshalb nach nahrhaften Alternativen. Wem Tofu- und Sojaprodukte zu langweilig werden, kann sich auf was gefasst machen, denn mit der neuen In-vitro-Küche wird es spannend auf unseren Tellern.

Aber was verbirgt sich dahinter? In vitro ist lateinisch und heißt im Glas – das In-vitro-Fleisch kommt demnach direkt aus dem Reagenzglas, also aus dem Labor. Klingt im ersten Moment nicht gerade appetitlich. Darüber hinaus stellt man sich unweigerlich die Frage: Ist gezüchtetes Fleisch geschmacklich eine Alternative zu saftigem Rindfleisch? Enthält es dieselben wichtigen Nährstoffe oder überwiegen eher künstliche Zusatzstoffe? Und kann die künstliche Produktion von Fleisch den wachsenden Hunger der Weltbevölkerung decken?

Fleischkunst aus Kunstfleisch

Das Ganze funktioniert so: Tierische Ausgangszellen – also Stamm- bzw. Muskelzellen – werden dem lebenden Organismus schmerzfrei via Biopsie, also mittels einer speziellen Nadel, entnommen. In Nährlösungen können diese auch außerhalb der Tiere wachsen und sich vermehren. Bisher nutzten Biotechnologen dieses Verfahren um Transplantate, also dünnlagige Hautschichten, für Schwerbrandverletzte zu züchten. Übereinandergelegt können die Membranen Würste, Nuggets oder Burger ersetzen.

Schwieriger ist die Erzeugung von Fleisch in ihrer Originalkonsistenz – etwa eines Steaks. Denn Steak-Fleisch besteht aus Muskelfleisch, durch das sich endlos lange, feinste Äderchen ziehen, um Blut und Nährstoffe zu den einzelnen Zellen zu transportieren. Um diese dreidimensionalen In-vitro-Fleischprodukte herzustellen, brauchen die Zellen ein essbares Gerüst, worauf sie wachsen können. Alternativ können die Zellen auch auf Membranen oder Kügelchen wachsen, die man dann aufeinander stapelt oder miteinander verbindet.

Noch nicht massentauglich

Noch sind ökonomisch akzeptable Lösungen unerforscht, dafür gibt es aber schon ein Kochbuch mit imaginären Rezepten für das Laborfleisch. Das niederländische Netzwerk Next Nature erarbeitete zusammen mit Köchen, Designern und Künstlern das In-vitro-Fleisch-Kochbuch. Darin enthalten: Rezepte für Steaks aus gestrickten Proteinfäden, Dinosaurier-Keule, Fleischobst und weitere kuriose Gerichte.

Den weltweit ersten Retorten-Burger stellte der niederländische Forscher Mark Post bereits am 5. August 2013 in London vor. Er und sein Forscherteam von der Universität Maastricht hatten sechs Wochen lang aus Muskelzellen einer lebenden Kuh eine 140 Gramm-Frikadelle gezüchtet. Die Herstellungskosten: 250.000 Euro. Viel zu teuer für den Masseneinsatz aber der Grundstein für den künstlichen Fleischersatz.

Anleitung für das Bewusstsein

Während das Fleisch aus der Petrischale in Zukunft die Massenproduktion von Fleisch aus industrieller Tierhaltung eindämmen kann, sind Experten dennoch der Meinung, dass die technische Lösung allein nicht der richtige Weg sei. Die Menschen sollten sich bewusster ernähren und ihren Fleischkonsum radikal reduzieren. Denn: Vieh muss gefüttert werden und produziert bei der Verdauung Methangas, das zur globalen Klimaerwärmung beiträgt. So stößt ein Rind beispielsweise in einem Jahr so viele Treibhausgase aus wie ein Auto auf 18.000 Kilometern (Quelle: Eurostat).

Das "In Vitro Meat Cookbook" soll genau diese Denkanstöße bieten. "Das Buch wirft Fragen auf und heizt die Diskussion über unseren Fleischkonsum an", sagte der zu "Next Nature" gehörende Designer und Philosoph Koert van Mensvoort.
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