BERGSTEIGEN AM MOUNT EVEREST

Sherpas – Die unsichtbaren Helfer am Dach der Welt

Als Führer und Lastenträger von Bergsteigern sichern Sherpas zwar den Unterhalt ihrer Familie - doch immer wieder bezahlen einige von ihnen mit ihrem Leben.

18. April 2014: Es ist noch früh am Morgen und trotzdem arbeiten die Männer schon seit über drei Stunden am Khumbu-Gletscher des Mount Everest. Ihre Füße sind trotz guter Schuhe eiskalt, ihre Muskeln schmerzen vom Einschlagen unzähliger Haken ins Eis, vom Spannen der Fixseile. Wenn sie auf den wackeligen Aluminiumleitern die bedrohlich klaffenden Eisschluchten überqueren, schnellt ihr Puls unweigerlich in die Höhe. Plötzlich hören sie ein tiefes Grollen, das sie nur zu gut kennen. Sekunden später donnert ein Schatten so groß wie ein Hochhaus auf sie zu – dann wird alles dunkel.

Das Volk aus dem Osten

Vor über 500 Jahren zog ein kleiner Volksstamm aus den verschneiten Höhen Tibets ins Khumbu-Tal nach Nepal - die „sher-pa“. Die tibetische Bezeichnung Sherpa bedeutet „Volk des Ostens“ und wird als Familienname von Generation zu Generation weitergegeben. Sie ließen sich an den steilen Hängen der höchsten Berge der Welt nieder und lebten arm und bescheiden von der Landwirtschaft. Auch heute noch leben viele Sherpas in ärmlichen Verhältnissen und können sich keine Bildung – weder für sich, noch für ihre Kinder – leisten.

Als westliche Bergsteiger die unzähligen physischen und psychischen Herausforderungen des Himalayas für sich entdeckten, eröffnete sich den Sherpas eine neue Möglichkeit, ihren Familien ein besseres Leben zu bieten. Als Einheimische besitzen sie sowohl die nötigen Kenntnisse als auch die körperlichen Voraussetzungen, um sich als Führer und Expeditionshelfer in das Gebirge zu wagen. Doch auch wenn sie eine ausgezeichnete Expertise besitzen: Die Natur ist unberechenbar. Und so begeben sich jedes Jahr allein am Mount Everest bis zu 500 Sherpas in äußerste Lebensgefahr.

Arbeiten unter dem Einsatz des eignen Lebens

Das jüngste Drama am Mount Everest belegt auf tragische Weise, unter welch gefährlichen Bedingungen die nepalesischen Bergführer jedes Jahr arbeiten. Am Morgen des 18. Aprils 2014 löste sich um 6.45 Uhr an einer besonders riskanten Stelle des Khumbu-Eisfalls eine Lawine und riss 16 Expeditionshelfer, darunter 13 Sherpas, in den Tod. Diese präparierten zu diesem Zeitpunkt für die kommerziellen Bergsteiger den Weg zum Gipfel. Es gilt als das schlimmste Unglück in der Besteigungsgeschichte am Mount Everest und richtet mit einem Mal die weltweite Aufmerksamkeit auf die lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen der Sherpas.

Jahr für Jahr errichten die zähen Arbeiter ein riesiges Basislager auf 5.000 Metern Höhe, das Platz für 1.000 Menschen bietet – die meisten davon abenteuerlustige, ehrgeizige Alpinisten - und von dem aus etwa 40 Expeditionen starten. Auf dem Weg zum Gipfel bauen sie vier weitere Camps auf, das letzte in knapp 8.000 Metern Höhe. Dabei tragen sie auf der gesamten Route das Gepäck der Teilnehmer, kochen mehrgängige Menüs, die sie den Bergsteigern in beheizten Zelten servieren und führen die Alpinisten so sicher, wie es ihnen möglich ist, nach oben ans Ziel. Je nach Aufgaben bekommen die Höhenarbeiter bei einer Expedition bis zu 4.000 Euro. Damit können sie ihre Familie ein Jahr lang versorgen. Für viele sind das verlockende Aussichten.

Mit 3,5 Kilometern Seil und 60 Leitern auf das Dach der Welt

Damit die Expeditions-Touristen ihr Ziel erreichen, müssen die Sherpas die Aufstiege zunächst speziell vorbereiten. Besonders der Khumbu-Eisfall nahe des Basislagers wäre ohne die Hilfe der sogenannten „Icefall Doctors“ für die meisten Bergsteiger ein unüberwindbares Hindernis: Klaffende Eisschluchten, meterhohe Schneewände und unzählige große Eisbrocken versperren das zweieinhalb Kilometer lange Schneefeld. 3.500 Meter gespanntes Fixseil und zwischen 50 und 60 Aluminiumleitern sollen die Bergsteiger später sicher über den Eisfall bringen.

Mit Pickel, Steigeisen, Eis-Schrauben, Seil und Leitern ausgestattet, begeben sich die Icefall Doctors in äußerste Lebensgefahr. Jeden Moment müssen sie damit rechnen, in eine versteckte Gletscherspalte oder eine Eisschlucht zu stürzen – oder aber auch, dass sich von den Hängegletschern eine Lawine löst. Zudem bewegt sich der Eisfall jeden Tag um bis zu einen Meter, weshalb die Konstruktionen mitunter wieder abgebaut und neu angebracht werden müssen. Ein Job, der nicht nur die Grenze zur physischen sondern auch zur psychischen Belastbarkeit neu auslotet …

300 Euro für ein Sherpa-Leben

Nach den tragischen Vorfällen vom 18. April 2014 legten die nepalesischen Expeditionshelfer nicht nur ihre Arbeit für die gesamte Saison nieder. Sie forderten auch bessere Arbeitsbedingungen, darunter einen besseren Versicherungsschutz und eine höhere Beteiligung an den Aufstiegslizenzen. Diese bringen der nepalesischen Regierung allein 2,5 Millionen Euro pro Jahr ein. Das Geld aus den Lizenzen soll laut Forderungen der Sherpas in einen Hilfsfonds für die Familien von getöteten und verletzten Bergführern fließen.

Angesichts dieser Einnahmen wirkt es wie ein schlechter Scherz, als die Regierung den Hinterbliebenen der Opfer 300 Euro als Entschädigung anbietet. Damit wären nicht mal ansatzweise die Kosten für eine Bestattung gedeckt. Später bot die Regierung den Sherpas eine Entschädigung von knapp 4.500 Euro an, es hapert allerdings an den Auszahlungen. Das Geld wird ausschließlich in Katmandu ausgezahlt - eine Reise, die sich viele Familien nicht leisten können.

Nationale und internationale Unterstützung

Während die Familien nur sehr schleppende Hilfe von Regierungsseite erwarten können, setzen sich auf der anderen Seite nationale sowie internationale Unternehmen für das Volk des Ostens ein. So rief beispielsweise der amerikanische Bergsport-Ausrüster Alpine Ascents International bereits 1999 den Sherpa Education Fund ins Leben - einen Bildungsfond für nepalesische Kinder.

Auch Tashi Sherpa war es ein dringendes Bedürfnis, sein Volk zu unterstützen. Da er beruflich in der Textilbranche tätig war, gründete er 2003 die Outdoor-Bekleidungsfirma Sherpa Adventure Gear in Katmandu. Dort beschäftigt er mittlerweile über 800 Sherpa-Frauen, die Mützen, Jacken und andere Kleidungsstücke per Hand oder mit einer Strickmaschine produzieren. Mit dem zusätzlichen Geld aus der Arbeit tragen die Frauen zum einen dazu bei, dass ihre Kinder eine bessere Ausbildung erhalten. Zum anderen erhöht jedes zusätzliche Einkommen die Chance, dass das Familienoberhaupt weniger oder sogar gar nicht mehr als Bergführer arbeiten muss.

Auch den aktiven nepalesischen Bergführern greift die Firma unter die Arme: Sherpas testen die Ausrüstung vor Ort im nepalesischen Hochgebirge. So stellt Tashi nicht nur sicher, dass die Ausrüstung Bergsteigern weltweit unter extremen Bedingungen gute Dienste erweist, sondern vor allem auch den Expeditionshelfern. Durch ihr Feedback können sie dabei selbst an der Entwicklung der Kleidung teilhaben und sich ein willkommenes zusätzliches Gehalt verdienen.

Und nun?

Unter der sonst so friedliebenden Oberfläche des Bergvolks brodeln noch immer Unzufriedenheit, Kampfbereitschaft und Zorn gegenüber ihrer Regierung. Zwar muss mittlerweile jedes Unternehmen alle Angestellten, Führer, Träger, Köche versichern. Auch erhalten die Hinterbliebenen, wenn ihre Väter, Männer oder Brüder am Berg verunglücken, 15.000 Dollar Entschädigung. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob das eine wirkliche Lösung der Gesamtproblematik darstellt. Anstelle dass sich Jahr für Jahr hunderte nepalesische Väter und Ehemänner in Lebensgefahr begeben müssen, sollte das Land seine beruflichen Perspektiven ausbauen. Unternehmen wie Sherpa Adventure Gear zeigen, dass sich finanzieller Erfolg und eine Unterstützung der Sherpas nicht gegenseitig ausschließen. An dieser Stelle mag die nepalesische Regierung zwar auf die nicht unbeträchtlichen Einnahmen aus dem Bergsteiger-Tourismus verweisen – doch darf es tatsächlich sein, dass bei dieser Rechnung ein Menschenleben weniger zu Buche schlägt als die allgemeine Profitgier...?
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