UPCYCLING

Wenn sich Tier-Innereien in Schmuck verwandeln

Dass Tierdärme als Wursthülle dienen, ist allgemein bekannt. Doch die elastischen Tier-Eingeweide haben nicht nur einen hohen Nutzwert für die Lebensmittelindustrie. Ein Stuttgarter Design-Start-up zeigt die unbekannte Schönheit, die sich hinter Rinderdarm und Schweinsblase verbirgt.

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Allein der Gedanke an Tier-Eingeweide und Innereien mag manch einem den Appetit verderben. Dabei landen Därme, Blasen oder Mägen als natürliche Wursthülle regelmäßig auf unseren Tellern. Aber nicht nur das: Die inneren Organe von Schwein, Rind oder Schaf haben schon immer einen hohen Stellenwert gehabt. Sei es für den Transportmittel von Flüssigkeiten, als Karneval-Accessoires oder einfach nur als Leckerbissen. (Weitere Infos dazu in der Bildergalerie)

Eine Delikatesse verändert sich

Innereien als Gaumenfreude? In der Tat verarbeiteten sowohl arme als auch reiche Menschen traditionell nach der Schlachtung alle verwertbaren Teile eines Tieres und aßen sie. Dazu zählten etwa Herz, Leber, Magen – ja sogar Hoden, Hirn und Euter. Da Innereien jedoch allgemein als weniger wertvoll und nahrhaft galten, wurden sie im Lauf der Zeit vermehrt an Suppenküchen für Bedürftige verschenkt, was sie in eine typische Armenkost verwandelte.

Während im Mittelalter die europäischen Oberschichten ihre Macht durch die Menge oder Qualität des verzehrten Fleisches demonstrierten, kristallisiert sich heute eine einheitlichere Tendenz heraus: Das Arme-Leute-Essen in dieser Form gibt es nicht mehr. Aufgrund der verhältnismäßig geringen Fleischpreise im Vergleich zum Einkommen haltenen nur noch die besten Stücke vom Tier Einzug in die deutschen Küchen. Längst haben Koteletts, Schnitzel und Filets den Großteil der essbaren inneren Organe verdrängt. In Zahlen ausgedrückt: Bereits 1984 aß jeder Westdeutsche im Durchschnitt noch 1.500 Gramm Innereien. Im Jahr 2002 waren es deutschlandweit noch 650, im Jahr 2013 lediglich 150 Gramm.

Selbst bei der Wurstherstellung wird nur noch zu 50 Prozent auf die einst so begehrten Naturdärme – bestehend aus Magen, Darm oder Harnblase – zurückgegriffen. Zwar sind die meisten Kunstdärme nicht essbar und haben bei vielen Verbrauchern ein künstliches und damit umweltschädliches Image. Aber die künstlichen Wurstpellen sind in der Regel billiger als Naturdärme, technologisch einfacher zu handhaben und dazu unbegrenzt lagerfähig.

Organspende der besonderen Art

Einst eine wahre Delikatesse, fungieren tierische Nebenprodukte – also alles, das laut EU-Verordnung nicht für den Verzehr gewonnen wird – heute als Dünge- und Futtermittel oder fließen in die Energieproduktion. Wenn man bedenkt, dass mit tierischen Nebenprodukten mehr als die Hälfte des geschlachteten Tieres gemeint ist, fragt man sich unweigerlich: Findet hier innerhalb der Wertschöpfungskette eher eine Abwertung anstatt Aufwertung des Tieres statt?

Diese Frage hat sich wohl auch das Stuttgarter Start-up namens gutedort gestellt und im Jahr 2012 angefangen, ausgerechnet die meist als ekelerregend empfundenen Innereien von Tieren zu schönen Dingen zu verarbeiten. Überzeugt vom Wert der inneren Organe, wollten die beiden Textildesignerinnen Eva Schlechte und Jennifer Hier die Schönheit auch für andere sichtbar machen. Mit Begeisterung und monatelanger Handarbeit entstanden so aus der inneren Haut von Schweinen und Kühen erstmals Design-Accessoires wie Ketten und Raum-Deko.

Upcycling: Müllveredelung

Produkte aufzuwerten, die eher als Abfall gesehen werden? Den Begriff dafür gibt es schon länger. Upcycling setzt sich aus den Begriffen „up“ (hoch) und „Recycling“ (Wiederverwertung) zusammen und beschreibt damit die Art der Verwertung, in der scheinbar nutzlose Stoffe durch ein oder mehrere Verarbeitungsschritte in neuwertigere Produkte umgewandelt werden.

Drei Monate dauert der Veredelungsprozess bei dem Stuttgarter Start-up gutedort, bis sich Harnblase und Darm in Kunstgegenstände verwandeln – eine Tatsache, die den Preis der fertigen Kreationen auch rechtfertigt: Zwischen 500 und 1.200 Euro müssen die Kunden für Produkte aus dem „inner Skins“-Sortiment (zu Deutsch: innere Häute) hinblättern.

„Jede Haut ist einzigartig, kein fertiges Objekt ist gleich“

Und so entstehen die filigranen, bunten Schmuckstücke: Die jungen Frauen fahren zum Schlachthof und holen dort direkt die Schlachtabfälle. Darunter hauptsächlich Blasen und Därme von Schweinen und Rindern, die nicht in die Produktion von Wurstwaren fließen. In erster Linie wollten die Gründerinnen Schlechte und Hier das Material konservieren, um dessen Wert zu steigern. Denn der Gerbprozess, der die Häute in Leder verwandelt, macht sie stabiler und dadurch tragbar. „Da die Innereien sehr klein sind und wir unbedingt ihre ursprüngliche Form und Größe behalten wollten, war das Thema Schmuck sehr naheliegend“, so Eva Schlechte.

Um die frische Haut zu Leder zu verarbeiten, werden sie einem natürlichen und umweltschonenden Gerbungsprozess unterzogen. Dazu liegen die Innereien zunächst über mehrere Wochen in einer speziellen Lösung. Damit sie nicht brüchig werden, müssen sie zur Weiterverarbeitung ständig geknetet werden. So entsteht schließlich ein weiches, dünnes Leder. Nach einem kalten Färbebad wird die Haut schließlich gefettet und trockengewalkt. Zuletzt noch in Form gebracht – fertig sind die einzigartigen Eingeweide-Accessoires.

Nichts für Dünnhäutige

Selbst den ehemaligen Textildesign-Studentinnen Jennifer Hier und Eva Schlechte ging der Verarbeitungsprozess der Innereien zunächst unter die Haut. „Es hat uns anfangs schon ein bisschen Überwindung gekostet, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran“, so die gebürtige Münchnerin Eva. Den Kunden mag es da wohl ähnlich gehen, obwohl sie nur das fertige Produkt zu Gesicht bekommen. „Die meisten finden das Konzept sehr spannend und die Produkte ästhetisch, andere können sich weniger dafür begeistern, obwohl sie Fleisch essen und Leder tragen“, erzählt sie.

Ob man nun von der Schönheit der Schweinsblase überwältigt ist oder einen die Vorstellung von geschlachteten Tieren und glibbrigen Innereien eher abschreckt – der Effekt ist sicherlich derselbe und in unserer Wegwerfgesellschaft besonders wertvoll: „Wenn man die Produkte sieht und deren Herkunft kennt, wird man auf jeden Fall dazu bewegt, über den Sinn einer derartigen Aufwertung von vermeintlichem Abfall nachzudenken.
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