FRAGE DER WOCHE

Wie umweltschädlich sind Bierflaschen?

Wenn Bierflaschen um die halbe Welt reisen, wird das Mehrwegsystem zunehmend zum Umweltschädling.

Bierflaschen

© Imago / Ruediger Woelk

Noch vor ein paar Jahren sahen die meisten Bierflaschen gleich aus: Braunes Glas, schnörkellose Form, ein halber oder ein drittel Liter Inhalt. Doch das ist vorbei: Jedes dritte Bier wird inzwischen in einer Flasche mit dem Spezialdesign der jeweiligen Biermarke verkauft – mit Markenrelief oder sechseckigem Flaschenhals, mit Taille oder mit Klumpfuß.

Die so genannten Individualflaschen sollen den Appetit auf die jeweilige Marke wecken und zum Kauf verleiten. „Bei der Flasche ist es wie bei einer schönen Frau”, wirbt der Bierflaschenhersteller Systempack Manufaktur auf seiner Internetseite. “Ein schickes Kleid und zusätzlicher Schmuck – alles harmonisch in Form und Farbe aufeinander abgestimmt – steigert die Attraktivität.“

Schön und auch gut? In diesem Fall stimmt die Gleichung leider nicht. Denn was den Verkauf ankurbeln soll, wird zunehmend zu einem Umweltproblem: Standardflaschen werden zur nächstgelegenen Brauerei transportiert, gereinigt, etikettiert und wiederbefüllt. Die leeren Designflaschen dagegen verstreuen sich in ganz Deutschland – und müssen immer wieder zu dem Standort ihrer Ursprungsbrauerei zurückkehren.

Flaschen reisen um die halbe Welt

Zwar gibt es noch keine aktuelle Öko-Bilanz der Individualflaschen – eine Untersuchung für das Umweltbundesamt soll Ende 2014 abgeschlossen werden. Aber es deutet sich bereits jetzt an, dass aufgrund der langen Transportwege die Design-Mehrwegbierflaschen schlechter für die Umwelt sind, als bislang geglaubt.

So kam ein Bericht der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung in Mainz zu dem Ergebnis, dass nur noch etwa jede vierte Mehrweg-Bierflasche im Brauerei-Umkreis von bis zu 50 Kilometern bleibt. Im Durchschnitt lägen Abfüllort und Konsument 216 Kilometer auseinander. Lieferwege von über 400 Kilometern seien keine Seltenheit.

Die Flaschen des Bier-Exoten Corona sind besonders weit unterwegs: 9.000 Kilometer legen die Getränke des mexikanischen Getränkeherstellers Grupo Modelo zurück, bis sie in europäischen Supermärkten stehen. Die gleiche Strecke reist das Leergut zurück, um neu aufgefüllt zu werden.

Unterwegs sorgen die modischen Flaschen für reichlich Spritverbrauch. „Wenn die Transportdistanzen hinreichend groß werden, kippt das Mehrweg-System“, sagt Siegfried Kreibe, stellvertretender Geschäftsführer beim bifa Umweltinstitut in Augsburg. „Einweg wird dann wieder vorteilhafter.”

Allein der Transport der leeren Corona-Flaschen aus Deutschland zu den Häfen an der Küste verbraucht mehr CO2, als die Herstellung einer neuen Flasche. Der Schiffstransport nach Mexiko ist da noch nicht einmal eingerechnet.

Landen die Individualisten schneller im Müll?

Schon lange hegen Umweltschützer den Verdacht, dass Mehrwegflaschen aufgrund der umständlichen Transportwege mit individuellem Design verfrüht im Altglas landen. Die Deutschen Umwelthilfe (DUH) allerdings kommt zu anderen Ergebnissen: Demzufolge werden Individualflaschen nicht weniger oft wiederbenutzt als Standard-Mehrwegflaschen, sondern sind nur länger unterwegs.

„Durchschnittlich werden diese Individualflaschen mehr als 35 Mal wiederbefüllt“, schreibt die DUH in einem Hintergrundpapier. “Auch Brauereien mit überregionaler Distribution erreichen hohe Umlaufzahlen.”

Allerdings haben auch die Hersteller selbst mit den Folgen der Flaschen-Vielfalt zu kämpfen. Längst ist der Sortieraufwand gewaltig geworden – und mit ihm Kosten, die für kleine Brauereien kaum zu stemmen sind. Denn die Supermärkte mischen Designflaschen mit den Einheitsflaschen und geben die bunt gemischten Kästen an einen Getränkegroßhändler zurück.

Flaschen zu sortieren wird zum Kostenfaktor

Der Großhändler leitet die Kästen entweder an die Brauerei weiter, deren Name auf dem Kasten aufgedruckt ist, oder er sortiert die Flaschen vor. Das kostet aber extra. Brauereien, die diese Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen, müssen selbst sortieren. Dazu ist eine vollautomatische Sortieranlage nötig, die circa 800.000 Euro kostet.

Kleine Brauerein sind damit überfordert. Der Brauereikonzern Anheuser-Busch, der Marken wie Beck’s in Individualflaschen vertreibt, kann sich den Aufwand dagegen leisten. ”Wir stehen im Wettbewerb”, sagt ein Konzernsprecher. “Ich vermute, ein Automobilkonzern würde aus Rücksicht auf Wettbewerber auch nicht aufhören, in Design zu investieren.”

Um die fremden Flaschen wieder loszuwerden, haben die Brauer mittlerweile im Internet das Leergutportal “Bottlefox” ins Leben gerufen, auf der sie die unerwünschten Flaschen anbieten und Preise für deren Abholung aushandeln. Mehr als 30 Brauereien sind dort aktiv. Derartige Tauschsysteme führen immerhin dazu, dass die Flaschen wieder in das Mehrwegsystem gelangen – und nicht im Altglas landen.
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