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Zentral gelegen: Wo ist der Mittelpunkt Europas?

Wo liegt eigentlich der geografische Mittelpunkt Europas? Gleich zwei Dutzend Orte beanspruchen den Titel für sich – und natürlich weist jeder von ihnen mit einem eigenen Denkmal darauf hin.

Europa-Karte mit Lupe

© iStock/Electra-K-Vasileiadou

Immer wieder haben Wissenschaftler versucht, den eindeutigen geografischen Mittelpunkt Europas zu ermitteln – und jedes Mal kamen sie zu neuen Ergebnissen. Mal bestimmten sie einen Ort in Litauen, mal in der Slowakei, dann in Deutschland und ein anderes Mal in der Ukraine. Der Grund: Die Grenzen zwischen Europa und Asien sind nicht genau festgelegt. Welche Linie soll also gelten? Wo beginnt ein Kontinent, wo hört er auf?

Heute hier, morgen dort

Der erste Ort, der den Titel „geografische Mitte Europas“ für sich beanspruchen durfte, war das kleine Dörfchen Suchowola im Nordosten Polens. Vor über zweihundert Jahren hatte der Kartograf und Astronom Szymon Antoni Sobiekrajski errechnet, dass kein Ort zentraler liegen könne. Über diese Auszeichnung informiert ein großer Stein mit Inschrift, der im Ortszentrum von Suchowola aufgestellt ist. Doch während der k.u.k.-Monarchie ermittelten österreichische Geografen einen neuen Mittelpunkt Europas: den Berg Dylen, zu deutsch Tillenberg, nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Ein Granitstein mit Inschrift auf dem Gipfel weist Besucher heute daraufhin. Und 1887 wurden erneut die Maßbänder angelegt – damals für den Bau einer Eisenbahnstrecke. Dabei fiel der Titel „Geografische Mitte Europas“ dem ukrainischen Rachiw zu. Die Arbeiter errichteten ein Denkmal aus Beton, das bis heute besichtigt werden kann.
Schließlich, vor rund 25 Jahren, nahmen sich Forscher vom Französischen Nationalinstitut für Geografie der Sache an – und legten einen neuen Mittelpunkt Europas fest: das litauische Dorf Purnuškes nördlich der Hauptstadt Vilnius. Eine großzügige Windrose auf dem Boden und eine Granitsäule mit einem Sternenkranz sollen Touristen hierherlocken. Einige Jahre später, 1991, gründete der Bildhauer Gintaras Karosas daneben den Skulpturenpark „Europos Parkas“: Dazu schuf er eine Pyramide, um die herum Steinplatten auf die umliegenden Länder und Städte Europas zeigen. Auch andere Künstler haben sich hier mit Arbeiten zum Thema Europa verewigt.

Dennoch gibt es bis heute Orte, die Purnuškes nicht als Mittelpunkt des Kontinents akzeptieren wollen – und den Titel für sich beanspruchen. Dazu gehören Kremnické Bane und Krahule bei der Stadt Kremnica in der Mittelslowakei sowie Ceské Budejovice in Tschechien – hier hat man vorsorglich bereits ein weiteres Denkmal aufgestellt.

Titel, Titel, du musst wandern

Leichter, so mag man meinen, müsste es da doch sein, die Mitte der Europäischen Union zu bestimmen – oder? Auch hier verändern sich die Grenzen ständig: Lag der offizielle Mittelpunkt der EU Anfang der Neunzigerjahre noch im französischen Saint-Clément, so wanderte der Titel am 1. Juni 1995 an das belgische Viroinval. Von 1999 bis 2000 – nach dem Beitritt Griechenlands – ging der Titel zurück nach Frankreich: Blancafort in der Region Cher durfte sich zumindest ein Jahr lang „Zentrum Europas“ nennen.

Doch nach der EU-Osterweiterung im Jahre 2004 ermittelte das Institut für theoretische Geodäsie in Bonn, dass der neue geografische Mittelpunkt im deutschen Städtchen Cölbe läge. Nur wenig später stellte sich jedoch raus, dass die Forscher sich verrechnet hatten, und nach einer erneuten Vermessung wurde die deutsche Ortschaft Kleinmaischeid zum neuen Mittelpunkt der Europäischen Union erklärt. Doch auch sie durfte den Titel nur zwei Jahre tragen: Durch den EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien verschob sich der geographische Mittelpunkt erneut. Und seit der zweiten EU-Osterweiterung im Jahr 2007 liegt der Mittelpunkt der Europäischen Union nun in der hessischen Stadt Gelnhausen im Stadtteil Meerholz.
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